Allgemein

SPK

Zu einer Zeit, in der sich Industrialbands relativ eindeutige Namen gaben, wie z.B. „Einstürzende Neubauten“, um einen bekannteren Namen zu nennen, gingen SPK andere Wege. Ihr Name, eine Abkürzung, kann so gut wie alle heißen (Eurer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt). Mit ihrer Musik verhält es sich ähnlich. Sie haben während ihrer zehnjährigen Karriere alles ausprobiert, was es auszuprobieren galt.

Im fernen Australien fühlte sich ein Typ namens Graeme Revell zu Höherem berufen als Tabletten zu sortieren und Schizos zu verwahren. Da der kleine Graeme Pfleger in der Klappse war, entschied er sich, etwas sehr Verrücktes zu tun; gewaltig sollte es sein ! Revell entwickelte ein Konzept und nannte es SPK. Nach einem Aufhänger für das, was folgen sollte, brauchte er nicht lange zu suchen. Ein Blick in sein Arbeitsfeld (Psychiatrie) ließ eine große Vision in ihm aufkeimen: Er würde versuchen „psychopathologische Zustände mit akustischen Mitteln auszudrücken“.

Graeme Revell von SPK live 1984 in Hamburg

Graeme Revell von SPK live 1984 in Hamburg

Sehr schnell wurde das Stadium der Planung verlassen, fleißig experimentiert und ein Label gegründet (Side Effect Records) auf dem unter Graemes Regie zwei Singles und eine LP (Information Overload Unit) entstanden. Wir schreiben inzwischen das Jahr 1980 und Graeme, der Besessene, hatte schon einen Haufen verwegener Mitstreiter um sich gesammelt.

Wer gehofft hatte, SPK’s erste Vinylveröffentllchungen hätten Graemes Ego befriedigt, der hatte sich getäuscht: Mit einer Radikalität, die an Monomanie grenzte, schickte sich SPK an, das geheiligte Konzept auf den Konzertbühnen dieser Welt umzusetzen. Zuerst bestrafte er die Amerikaner, denn diese Burschen hatten seine Ohren auf gar zu abscheuliche Weise mit ihrer Kaugummimusik geschändet: SPKs Amerikatournee löste einige Verwirrung aus, obwohl an dieser Stelle nicht verschwiegen werden darf, dass es auch Leute gab, die auf diese Spektakel abfuhren. Throbbing Gristles Genesis P. Orridge geriet damals so richtig ins Schwärmen.

SPK live in Hamburg (Markthalle), 1984

SPK live in Hamburg (Markthalle), 1984

Die Erfahrungen dieser Tournee ließen SPK in ihr nächstes Projekt einfließen. Sie veröffentlichten 1982 die LP „Leichenschrei“. Selten hat ein LP-Titel seine Musik besser charakterisiert. Die Reaktionen auf diese Platte waren verhältnismäßig stark, so dass Graeme und seine Band in aller Munde waren. Gisela erzählt heute noch gerne, wie sie während des Hörens des Leichenschrei—Albums im Autokassettenrekorder durch faustdicke Hagelkörner bestraft wurde.
Um 1982 herum wurde mir des zweifelhafte Vergnügen zuteil, ein Video dieser psychopathischen Combo sehen zu dürfen. Es war wirklich grauenhaft. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass es das grauenhafteste Stück Zelluloid war, das ich je gesehen habe. Dies schließe ich aus der Tatsache, dass ich vor diesem Ereignis nachts noch schlafen konnte. Hier ist nun der Versuch einer Beschreibung davon, wie grauenhaft es war; mir fallt es schwer, es in Worte zu fassen. Zwei Stationen vor dem Kölner Hauptbahnhof (ich kam aus südlicher Richtung) schmiss ich diese Ausgeburt eines kranken Geistes aus dem Fenster meines fahrenden Zuges.
Entgegen meiner Erwartung blieb es jedoch ohne Widerstand liegen und wird wohl heute noch dort liegen.
So, nun folgt dieser spärlichen Wegbeschreibung, auf dass Ihr dieses Werk finden möget und damit Euer Glück macht !

Sinan Leong von SPK live in Hamburg, 1984

Sinan Leong von SPK live in Hamburg, 1984

Doch nun zurück zur weiteren Biographie (denn die wollt ihr ja schließlich lesen). Nach der LP Leichenschrei trat Sinan (sie ist eine sympathische Chinesin) in Revells Leben und bestimmte von nun an mit dem lieben Graeme die weiteren Geschicke von SPK. Kurz darauf entstand die 12″ Dekomposition (1983).
Graeme war des wilden, entbehrungsreichen Independent-Musikerlebens überdrüssig (einen nicht unwesentlichen Anteil daran hatte vermutlich die etwas einseitige Ernährung – immer nur Pferdekopfessen ist wohl auf Dauer etwas fad): „Die Leute würden unsere Musik mögen, nur sie hören sie nie. Dies wollten wir mit dem WEA-Kontrakt ändern. Wir spielten in Clubs. und die Leute flippten regelmäßig aus.“

In der WEA-Phase entstanden zwei Maxis und die LP ‚Machine Age Voodoo‘. So kam es auch, dass ‘die Gruppe, die ich glaubte mit dem erwähnten Video hinter mir gelassen zu haben. wieder in mein Leben trat. Wer konnte schon damit rechnen, ihnen im Fernsehen zu begegnen. Aber genau das geschah. Eines Dienstag Abends schaltete ich wie zufällig die Glotze ein und sah zur besten Sendezeit SPK und das auch noch in der Sendung ‚Formel Eins‘. Zu allem Oberfluss muss ich gestehen, dass dieses Stück, das sie spielten, irgendetwas hatte, was mich faszinierte. Allerdings war ich nicht so begeistert, dass ich sie mir auch noch im ‚Wartesaal‘ angesehen hätte, denn dort spielten sie damals. Dies sollte sich als Fehler herausstellen, denn sie waren wirklich gut, wie glaubwürdige Augenzeugen (z.B. Ralf D. aus B.) mir später berichteten. Als Relikt aus alten Zeiten sollen sie Metallfässer ins Publikum geworfen haben, um diese dann außerhalb der Bühne mit Hilfe einer Kettensäge fachmännisch zu zerlegen.

Live Performance, SPK

Live Performance, SPK

Das Disco-Konzept, das SPK in ihrer WEA-Zeit an den Tag gelegt hatten, war jedoch ziemlich schnell ausgereizt. SPK wurde vergessen. Graeme kam in ein Alter, in dem man eine Familie gründen sollte und auf lockere Art Kohle macht. Wie sonst ist zu erklären, dass er einen Vertrag bei WEA unterschrieb ? Lassen wir nun Graeme selbst einmal zu Wort kommen: “Europa widerte uns an. Unsere Haltung war modern geworden. Es gabe Dutzende von Gruppen, die so ähnlich klangen wie wir, z.B. Test Department. Wir zweifelten an uns und gingen zurück nach Australien. Das Traurige an der Independent-Musik ist, dass sie nirgends gespielt wird.“
Doch Ihr habt Euch vertan, wenn ihr glaubt‚ Graeme‚ das alte Arbeitstier, hätte faul herumgesessen, um mit seiner Sinan chinesisches Duett zu spielen. Weit gefehlt, meine Schäfchen: Er arbeitete nämlich an verschiedenen ‘Projekten (moderne Klassik), die jedoch nicht unter der Firmenbezeichnung SPK veröffentlicht wurden. Nebenbei komponierte unser Multitalent einen Filmsoundtrack für ein britisches B-Movie über das elisabethanische Zeitalter.

Doch hatte Graeme noch eine andere Leidenschaft entdeckt: Byzanz! Byzantinische Liturgie stand deshalb auch im Mittelpunkt von Zamia Lehmanni, SPKs letzter LP. Die Frage‚ ob dies eine Reise ohne Wiederkehr ist und Graeme irgendwo zwischen Byzanz und Mittelalter hängenbleibt, um uns als Wanderer zwischen den Welten mit epochal langweiliger Musik zu beglücken, kann ohne Einschränkung verneint werden. Denn Graemes Herz schlägt neuerdings für Funk (Ihr habt richtig gelesen!)‚ deshalb wird auch die nächste LP von SPK mindestens eine Plattenseite dieser ekstatischen Musik beherbergen.
Schuld an ihrer Vielseitigkeit ist das musikalisch abgekanzelte Australien. Sinan: „Australien ist isoliert. Im Radio spielen sie nur so traditionellen Kram – Folk usw. Deshalb sind wir genötigt, die gesamte Musikgeschichte nochmals selber aufzurollen.“ Nun wisst ihr es – weiteres Schicksal ungewiss. Weil ihr so lieb ward und diesen Blog lest, dürft ihr nun den Konzertbericht lesen.

Sinan Leong, SPK, live

Sinan Leong, SPK, live

Ein namhafter Kölner Club war bis zum Bersten gefüllt. Alle wollten SPK sehen. Da das jedoch nur in den ersten zwei Reihen möglich war, strömten alle zum Platz an der Sonne: Es herrschte großes Gedränge und es wurden Worte gesagt, die lieber ungesagt geblieben wären. Der einzige Grund, warum es zu diesem Zeitpunkt zu keinem Handgemenge kam, ist der Tatsache zu verdanken, dass aus Platzmangel so gut wie niemand den Arm heben konnte. Die zu kurz Gekommenen etwa 98 (das ist günstig geschätzt) mussten in einen Monitor schauen, der das Geschehen auf der Bühne vermittelte – was natürlich mehr als gerecht war, kostete die Konzertkarte doch nur lumpige 15 DM. Da mir für Euch kein Weg zu eng ist und ihr bestimmt blöd geguckt hättet, wenn ich nicht alle visuellen Mittel ausgeschöpft hätte, sicherte ich mir einen Platz in der zweiten Reihe. Was ich auf der Bühne sah, war schon irgendwie beeindruckend: Eine erdverschmierte Sinan, die zu ethnischer musik einen Fackeltanz aufführte, die Zweckentfremdung einer Muschel zum Blasinstrument. Das Bühnengeschehen war stilisiert bis zum Geht-Nicht-Mehr. Metallfässer wurden attackiert, Aluminiumtöpfe wurden malträtiert. Und ich fühlte mich erschlagen. Alles war halt sehr sphärisch, echt byzantinisch eben. Aber auf die Dauer auch ein wenig langweilig.
Bewegung kam erst in die Zuschauermassen als SPK sich daran machten, Metallfässer auf der Bühne zu zersägen und einen Funkenregen nach dem anderen ins Publikum zu schicken dass die Augen und Haare Opfer der Flammen werden würden, so dass die Zuschauer nach hinten zurückwichen (es herrscht also doch noch etwas Gerechtigkeit).
Trotz einiger Turbulenzen (ich musste einem gestürtzten Mädchen helfen) erreichte ich den rettenden Hafen. An der umlagerten Theke suchteich das Vergessen im Alkohol.
Dieser Bericht ist E‚S. gewidmet. ‚

THOMAS STEPHAN

Standard