EBM

Front 242

Mit ohrenbetäubendem Lärm setzt der Drumcomputer ein und im auftauchenden Nebel erscheinen plötzlich drei fremdartige Wesen, eingehüllt in riesenhaften Schweißschutzhelmen, Prügelschutzwesten und dunklen Kampfanzügen. Schließlich entpuppten sich die drei Außerirdischen natürlich als Front 242, die versuchen, das Münsteraner Odeon-Publikum im Handstreich zu nehmen. Während im Hintergrund Flakscheinwerfer nervös die Bühne ableuchten und zerrissene Tarnnetze Manöveratmosphäre beschwören, tuckern munter die monoton-eindringlichen Synthi-Figuren düster vom Band.

Nach einer teilweisen Demaskierung entpuppen sich die drei Frontkämpfer (von Daniel am Mischpult mal abgesehen) doch als drei sehr unterschiedliche Charaktere: Richard, der mit seinem Irokesen und auch sonst haargenau wie Travis Brickle aus „Taxidriver“ aussieht; springt und joggt um sein synthetisches Drum-Kit herum, schreit mit Rebellenattitüde die Zwischenkommandos in sein am Kopf befestigtes Mikro und ist sichtlich bemüht, durch Anfeuerungsrufe und Fingergezeige das Publikum anzuheizen, welches ihm mit hardrockmäßigem Strecken honoriert wird. Jean-Luc wirkt mehr wie ein Bindeglied/Mittler mit seinen kontrolliert eck1g-ungelenken Bewegungen und dominant fester Stimme. Trotzdem scheint er den meisten Kräfteverschleiss zu haben, muss ab und zu hockend verschnaufen und sich mit Sprudel (innerlich wie äußerlich) regenerieren. während Patric am Emulator mit den Disketten nur so um sich wirft. Er ist wohl mehr der stille Tüftler, der fast die ganze Zeit an seinem Instrument klebt.

Front 242 - 1987 im Hamburger Trinity

Front 242 – 1987 im Hamburger Trinity

Wie Zahnräder greifen die ziemlich gleich klingenden Tltel von „Body to body“ his zu „Quite unusual“ ineinander, ohne die Spannung zu verlieren, bis plötzlich Schluss ist und nur noch die obligatorische Zugabe folgt, die eigentlich niemand so richtig verlangte. Statt dessen wartet das Publikum geduldig, dass Front242 von selbst zurückkommen … . Nach dem Konzert zeigt sich Patric (wohl unfreiwillig) etwas enttäuscht über die kühlen Reaktionen (getanzt wurde aber auch)‚ obwohl er betont, mit jedem Publikum zufrieden zu sein. In einem kurzfristig improvisierten Kurz-Interview auf dem Hof (in der Küche war das Gebruzzel zu laut) versuchte er mir – noch leicht angeschlagen von der Lautstärke — dann einige ihrer Standpunkte zu erläutern.

Frage: Es gibt ja eine ganze Reihe von Techno-Pop-Bands in Belgien. Bands wie à;GRUMH…, Neon Judgement, Pseudo Code und eben auch Front242. Denkst du, dass es bei euch für diese Art von Gruppen ein spezielles Klima, einen speziellen Nährboden gibt ?

Patric: Sicher. Auch wenn diese Leute nicht immer so miteinander verbunden sind, passieren doch dort übergreifende Dinge. Aber was du Electro-Pop-Gruppen nennst, bedeutet für uns auch, dass wir eine Menge Einflüsse aus Deutschland beziehen. Ich denke die ersten Elektronik-Bands kamen in den 70ern von hier. Kraftwerk, Can, Neu. Aber uns beeinflussen auch Sachen aus England, die ganze Industrial-Szene und auch die eher poppige Seite. Ja, Belgien ist eine Kommunikationsplattform und hat so großen Einfluss auf die Musik. Wir haben mehr als 24 TV-Programme. Das bedeutet, wir können auch die 3 deutschen Programme empfangen, 2 englische, Holland, Frankreich usw.

Front 242 - 1987 im Hamburger Trinity

Front 242 – 1987 im Hamburger Trinity

Frage: Seht ihr euch dann eher als europäische Band ?

Patric: Ja, viel mehr. Denn wir haben eigentlich keine richtige Verbindung zu Belgien. Es ist ein sehr junger Staat, und wenn du dort aufwächst, kannst du nicht belgisch fühlen. Nicht so wie in Deutschland. Also z.B. mein Vater ist flämisch. Und meine Mutter ist Französin. So bin ich in verschiedenen Kulturen aufgewachsen, die alle von außen kamen.

Frage: Warum benutzt ihr dieses Military-Outfit ?

Patric: Ich denke, was wir tun oder was wir versuchen zu tun, ist, dass wir Informationen von überall aufnehmen, so z.B. vom Fernsehen. Und beim Auftritt können wir nicht so viele Images wie Sounds reproduzieren. Wenn man eine große Leinwand hätte und die Kleidung wechseln könnte, hätte man verschiedene Stimmungen, die man darstellen könnte, aber das ist für uns momentan unmöglich. Deshalb mussten wir eine Wahl treffen, und so haben wir Militärkleidung und auch viele Sportsachen genommen, besonders von Kampfsportarten. Und dann haben wir noch die Helme, die eher mit Industrie und Arbeit zu tun haben. So ist unser Outfit doch recht gemixt. Wir versuchen, die Welt so zu reflektieren. Und wenn du dein TV anstellst, hinterlassen die militärischen Aufmachungen doch den größten Eindruck.
Aber was wir auf die Bühne bringen, ist nur Energie und hat keine politischen Einfiüsse und wirkliche Aggressivität. Vielleicht ist es aggressiv, was wir machen, aber es hat keine Ausrichtung. Es ist weder positiv noch negativ.

Front 242 - 1987 im Hamburger Trinity

Front 242 – 1987 im Hamburger Trinity

Frage: Eine Menge von Synthi-Bands arbeiten doch mit ähnlichen Bildern, ähnlichem Image. Kannst du dir einen Grund für diese offensichtlich starke Präsenz in der Verbindung von härteren Synthi-Klängen mit Kriegsbildern und Armee-Aufmachung vorstellen?

Patric: Ich glaube, das ist eine Reaktion. Für mich ist das zumindest so. Ich kann da nicht für die anderen aus der Band sprechen. Ich sehe das als Reaktion gegen dieses klassische Rock-Zeug. Denn all diese Leute sind nicht besonders versierte Musiker. Aber sie suchen mehr nach neuen Klängen und versuchen, etwas anderes mit anderen Sounds zu machen. Nicht so sehr Melodien und so. Die Zeit wird für einen Haufen Bands kommen, die versuchen‚ etwas anderes zu machen. Die jungen Leute von heute machen eine ganze Menge. Sie arbeiten am Computer, spielen Videogames, alles sehr kompliziert mit vielen Variablen. und sie haben eine Menge Informationen im Kopf. Und wenn sie die Rock-Musik hören‚ wirkt sie sehr einfach, nur so pling piing. Ohne diese Referenzen.

Frage: Aber das sind doch nicht dieselben Leute, die in eure Konzerte gehen. Die Leute, die heute hier sind, laufen zur Hälfte in Schwarz rum und interessieren sich doch nicht die Bohne für Computer: Außerdem benehmen sie sich doch eher wie in einem richtigen Rock-Konzert, mit Fäuste recken und so.

Patric: Ich weiß (lacht). Das hängt aber vom Publikum ab. In Belgien kommen z.B. öfters Skinheads mit Hitlergruß ins Konzert, aber es kommen auch ein paar Yuppies, die vorher „Quite unusual“ gehört haben und denken: 0h, poppig ! Let’s go to Front 242. Aber tatsächlich haben wir großen Erfolg bei sehr jungen Leuten, wir waren wirklich überrascht. In Schweden etwa hatten wir Konzerte für das jüngere Publikum, die erst mit 21 zu Konzerten gehen können, und die waren wirklich enthusiastisch. Das war phantastisch. Danach haben wir dann in Stockholm ein zweites Konzert für ein älteres Publikum über 21 gegeben, und die reagierten ganz anders. Ich kann nicht sagen, dass ich dieses oder jenes Publikum bevorzuge. In Berlin hatten wir gehört, dass die Leute den Auftritt sehr mochten‚ aber sie haben überhaupt nicht reagiert, sehr cool. Vielleicht ist das die deutsche Mentalität, aber das macht uns nichts aus‚ wir machen unsere Show. Und die Leute sollen es nehmen wie sie wollen.

Front 242 - 1987 im Hamburger Trinity

Front 242 – 1987 im Hamburger Trinity

Frage: Fühlt ihr eine Verwandtschaft zu anderen Bands ? Laibach versuchen ja etwa, Reaktionen mit dem Publikum gerade zu vermeiden.

Patric: Ich persönlich mag Laibach sehr. Ich mag Test Department, solche Art von Musik. Manche Platten von Nitzer Ebb sind auch nicht so schlecht. Aber ich höre auch Petshop Boys, Prince – so etwas. Man muss offen bleiben. Der Unterschied zwischen Front 242 und Laibach ist, glaube ich, dass Front 242 gemeiner, bösartiger ist. Denn Laibach hat eine Idee, die sie in den Vordergrund stellen. Und man weiß, welche Art von Musik sie machen werden, was für eine Band sie sind.
Dasselbe gilt für Test Department. Ich glaube, wir sind gemeiner in der Art, dass wir eine sehr poppige, melodiöse Seite haben und wir suchen auch nach neuen Sounds. Man muss heutzutage ’87 solche Sachen vermischen, um bösartig zu sein und das Musikbusiness an seinen „balls“ zu packen.
Du kannst nicht authentisch sein – vielleicht innen drin, aber nicht äußerlich. Ich denke, das ist die Art, wie wir arbeiten: TV-Klänge, Melodien, Drums, Sounds-Research. So versuchen wir das etwas zweideutig und unklar zu lassen. Das ist der Weg.

Laibach, Test Department

Laibach, Test Department

Frage: Ihr versucht ja, eine Haltung gegenüber den Dingen, die ihr reflektiert, zu vermeiden. Ist das Teil des Konzeptes ? Manche Leute, wie die vorher erwähnten Skinheads, könnten ja auf die Idee kommen, dass ihr deren Ideale vertretet.

Patric: DAS ist der bösartige Weg, du kannst sowohl Skinheads wie auch Yuppies verführen.

Frage: Ist das für euch okay ?

Patric: Ja‚ natürlich! Denn dieser totalen Informationsflut kann niemand entfliehen. Ich will keine Auftritte mit einem klar spezifizierten Publikum haben. Jeder muss seine eigene Interpretation dessen haben, was er sieht. Was er in seine Ohren bekommt, alles. Das Wichtigste ist, es mit Stärke und Energie zu tun.

R. BUSSIUS

Advertisements
Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s