Abortive Gasp, Dark Wave, EBM

Abortive Gasp

Wenn drei von musikalischer Vorbildung unbelastete junge Männer versuchen, unkonventionelle Musik zu machen, kann in den allermeisten Fällen sowohl mit umwerfenden als auch mit niederschmetternden Resultaten gerechnet werden, mit Genialität und Redundanz, Inspiration und Langeweile. Für das Projekt ‚Abortive Gasp‘ von Tim Paal (Gesang und E-Gitarre), Harry Luehr (Sequencer) und Stefan Trienes (Sampler, Gesang und E-Gitarre) aus Hamburg und Umgebung trifft diese Erkenntnis ganz besonders: Sie konfrontieren ihr Publikum in den knapp zwei Jahren ihrer Zusammenarbeit seit 1988 sowohl mit schwer verdaulichen – allerdings erfreulich tanzbaren – elektronischen Industrial-Experimenten als auch mit scheinbar plumpen Persiflagen auf musikalisch kurz- wie langlebige Trends, wie ‚Front242‘ oder ‚Skinny Puppy‘. Häufig ist in ihrer Musik die Ironie deutlich spürbar, um sich im nächsten Moment allerdings selber wieder in Frage zu stellen. Von Dauer scheint bei den Aborties, die ich an zwei Wochenenden im Herbst getrennt zum Interview aufsuche, nur wenig zu sein. Die Bandmitglieder können sich offenbar weder entscheiden, ob sie nun Teil der identitätsstiftenden Dark-Wave-Bewegung sein wollen, noch ob sie untereinander die richtigen Partner für eine solide musikalische Zusammenarbeit sind. Bei Erscheinen dieses Interviews in der ersten Ausgabe für 1990 hat sich die Formation aufgelöst – einvernehmlich, wie es heißt. Ein erneutes Zusammenkommen scheint ungewiss.

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Abortive Gasp (Germany, 1989)

Vor wenigen Wochen, am 26.12.89, gaben Abortive Gasp ihr finales Konzert im Altonaer ‚Kir‘ als Support-Act der wesentlich kunstorientierteren Slowenen von ‚Borghesia‘. Dabei läuteten die drei Hamburger Jungs in einem scheinbar letzten Kraftakt euphorisch die fast unmittelbar anstehende neue Dekade ein. Es liegt daher nahe, einen abschließenden Blick auf die Industrial- und Wave-Musik der zurückliegenden Achtziger Jahre zu werfen:
Anfang des Jahrzehnts führen neue frische Bands unter den Etiketten ‚New-Wave‘ und ‚Post Punk‘ das Werk elektronischer Pioniere der Siebziger Jahre, wie ‚Kraftwerk‘, ‚Neu‘ oder auch ‚Japan‘ fort. Hierbei geben Acts, wie ‚Visage‘, ‚A flock of Seagulls‘, ‚Depeche Mode‘ und ‚Gary Numan‘ zunächst den Ton an. Gegen Mitte der Achtziger Jahre wird die Bühne für alle Bands dieser Richtung zu klein und die elektronisch orientierte Wave- und Post-Punk-Szene differenziert sich aus.
In einer ersten Welle kommen Cabaret Voltaire, Portion Control und Nitzer Ebb aus Großbritannien zum Zuge. Auf dem Kontinent folgen ebenfalls schon früh Front242 und Clan of Xymox aus Benelux. Aus Übersee machen Skinny Puppy, Psyche und SPK von sich reden – und aus Deutschland zu dieser Zeit eigentlich ’nur‘ DAF und Boytronic.
In der finalen Welle der zweiten Dekaden-Hälfte hören wir dann Cassandra Complex, Alien Sex Fiend und ClickClick von den britischen Inseln; A Split Second, Klinik und à;GRUMH… aus Benelux; aus Amerika Revolting Cocks, Frontline Assembly und Ministry und aus Deutschland – wenn überhaupt, dann – Invincible Spirit und Fair Sex.
Ab Mitte der Achtziger Jahre hat Hamburg mit Ledernacken, KMFDM und Girls under Glass die international relevanten düsteren Electro-Acts aus der Bundesrepublik aufzuweisen. Das Jahr 89 allerdings gehört dort anscheinend alleine ‚Abortive Gasp‘ – die anderen Hamburger Gruppen haben vielleicht Urlaub eingelegt, sind elektrisiert bzw. angewidert vom Mauerfall oder zumindest eifrig am Kofferpacken Richtung Amerika: Das prächtige hanseatische Haus an der Elbe ist unbespielt und wird nicht bewacht … . Paal, Luehr und Trienes nutzen die Gelegenheit und bollern (‚BUllfrog‘) jenseits allen guten Geschmacks ein paar Mal kräftig ihre Mucke in die gute Stube, wobei sie einen strengen Geruch (‚Raw Scent‘) hinterlassen.
Die Aborties gönnen sich dabei ein ungewöhnliches Maskottchen: Pro forma engagieren sie den professionellen Manager Ludwig ‚Ludo‘ Kamberlein, jedoch nicht, um sich von ihm beraten oder gar helfen zu lassen. Als Kontrast zum sowohl dominanten als auch intriganten legendären Manager der Sex Pistols, Malcolm McLaren, halten die Hamburger Musiker sich ‚ihren‘ Ludo als Prügelknaben, an dem sie sich regelmäßig abreagieren, indem sie seine Empfehlungen bestenfalls in den Wind schlagen und öfter noch gänzlich konterkarieren. Norddeutsche musikalische Aktionskunst, sozusagen. Man kann sich kaum vorstellen, dass der offenbar leicht masochistisch veranlagte Kamberlein diese Behandlung noch sehr lange durchhält und er weiterhin als Manager aktiv bleibt. Andererseits: Vielleicht rechnet er doch noch mit einem Durchbruch der drei jungen Lärmfetischisten bei den ‚Major-Labels‘ ? Danach sieht es momentan aber wirklich nicht aus.

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Abortive Gasp (Garage)

Keine Zweifel an der Zugehörigkeit zur provokativen Krawall-Fraktion der Independent-Wave-Szene der späten Achtziger Jahre lässt die Namensgebung für die Band aufkommen: Dass ‚Abortive Gasp‘ sowohl musikalisch als auch konzeptionell eher die Nähe zu Formationen wie ‚The Klinik‘ oder ‚à;GRUMH…‘ suchen als zu ‚Depeche Mode‘ oder ‚Camouflage‘, verwundert kaum. Obwohl ihr Name es zu suggerieren scheint, sind Abortive Gasp keinesfalls eine konservativ ausgerichtete Band. Wenn an ihrem Image wirklich etwas provoziert, dann der hohe Grad ihres Unpolitischseins. Namensfinder Stefan Trienes: „Unsere Combo heißt so abartig, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt als uns gemeinsam hinter dieser Headline zu verschanzen“. So wird also den angewiderten Reaktionen seitens der Musikindustrie oder auch Teilen des naturgemäß nicht immer freiwilligen Publikums tatsächlich vereint standgehalten. Das sollte eigentlich zusammenschweißen. Diesen Effekt scheint man bei den Aborties geradezu heraufbeschwören zu wollen, weshalb die Namensgebung nie wirklich zur Debatte stand – im erfreulichen Gegensatz zu anderen Stilfragen, mit denen die Gruppenmitglieder untereinander zu kämpfen hatten und haben. Trienes: „Wenn tatsächlich unser Name Schuld daran ist, dass wir keinen Vertrag mit einem Major-Label bekommen, so stellt das den Mitarbeitern der Plattenfirmen ein Armutszeugnis aus.“ Es klingt ein bisschen trotzig, wie der 19jährige dies sagt. Man merkt ihm, dem politischen Gewissen der Band, an, von den Dreien wohl am meisten darunter zu leiden, dass Abortive Gasp mit ihrem Hang zur A-Professionalität, zum kulturellen Fatalismus und zur spaßorientierten Leichtigkeit einfach nicht in den Kontext der sozialkritischen Wave-Bands unserer Tage passen wollen und sich daher wohl auf ein langes Nischendasein im Tempel der Darkwaver einstellen müssen. Dies trifft Trienes, der von den drei Jungs sicher mit der größten sozialen Kompetenz ausgestattet ist, und es gewohnt sein dürfte, mit Lehrern, Arbeitgebern und Medienmenschen gut klarzukommen, vermutlich besonders hart.

Abortive Gasps homebase: Hamburg

Hamburg

Die Einbindung in die Hamburger beziehungsweise Norddeutsche Independent-Szene ist bei Abortive Gasp nicht wirklich gegeben. Das mag zum einen an der demonstrativ unpolitischen Haltung von Paal und Luehr liegen, die in linken Medien- und Künstlerkreisen à la Alfred Hilsberg natürlich nicht gut ankommt. Zum anderen stellen sich die Aborties mit dem von ihnen kultivierten trotzigen Dilettantismus immer wieder selber ein Bein – so auch bei der Öffentlichkeitsarbeit, für die – wenn überhaupt – am ehesten noch Harry Luehr verantwortlich zeichnet. Das sieht in der Praxis hauptsächlich so aus, dass er sich in seiner Freizeit, über die er als 19Jähriger nicht sonderlich ehrgeiziger Gymnasiast reichlich verfügt, bevorzugt in und um den Plattenladen ‚Unterm Durchschnitt‘ herumtreibt, der mitsamt mehrerer kleinster Musiklabels von Uli Rehberg betrieben wird, dem inoffiziellen Paten der norddeutschen Indies und Punks. Luehr: „Für mich kam immer nur diese absolut authentische Vinyl-Klittsche von Rehberg als Vertrieb für unsere Aufnahmen in Frage“. Eine Haltung, die von Rehberg standhaft ignoriert wird. Und gegen die Luehr auch mit verstärkten Sympathie- und Stützungskäufen in dem fraglichen Kellergeschäft nichts auszurichten vermag: „Das geht ganz schön ins Geld. Und befriedigend ist es auch nicht besonders, denn die meisten Platten hier gehen nicht besonders gut ab und sind wenig tanzbar.“ Niemand kann wissen, wie lange Luehr sein spärliches Taschengeld noch in ‚Swans‘- oder ‚Foetus‘-Alben investieren muss, bevor Uli ‚Willst-Du-hier-nur-gucken-oder-auch-was-kaufen?‘ Rehberg seine Rufe und die seiner beiden Kollegen nach einem Plattenvertrag bei einem seiner Independent-Labels erhören mag. Bis es soweit sein wird, scheint der Vertrieb der Abortive-Gasp-Werke über ‚Harsh Reality Music‘ (Tennessee;USA) und ‚Alternate Media Tapes‘ (Birmingham;GB) immerhin gesichert.

Sänger Paal, 1988

Sänger Paal, 1988

Der Unberechenbarste der drei Aborties ist zweifelsohne Tim Paal, der zunächst eher widerstrebend das Mikrofon für die Combo übernahm. Da der Gesang – anders als die Artwork – keinesfalls mit seiner kreativen Selbstverwirklichung verknüpft ist, lässt er live und bei den Aufnahmen sämtliche Hemmungen fallen und liefert regelmäßig einen beunruhigen Mix aus missglückter Arie, Urschreiversuchen und Heavy-Metall-Gegröle. Hier besitzen Abortive Gasp auf weiter Flur ein nicht zu leugnendes Alleinstellungsmerkmal und der stets sehr gelassen wirkende Paal scheint sich mit der ihm aufgedrängten Position des Frontmannes mehr und mehr anzufreunden – auch wenn er regelmäßig keinen Zweifel daran lässt, dass sein Interesse viel mehr der bildenden Kunst gilt als der auditiven: „Heiße Rhythmen Marke ‚Eigenbau‘ sind natürlich eine prima Sache, aber erst eine gelungene ‚Nitzer Ebb‘-Plastik lässt Dich abends nach vollendetem Werk zufrieden einschlafen.“ Es scheint fraglich, ob ein Waver mit solch einer Einstellung der Independent-Szene noch lange erhalten bleiben wird – eine Abwerbung durch die Hamburger Kulturfabrik ‚Kampnagel‘ muss befürchtet werden. Immerhin scheint sich der attraktive Dauergrimassenschneider gegenwärtig als Rampensau für Abortive Gasp im Kir oder im Stairways noch ganz wohl zu fühlen. Und das, obwohl die Inanspruchnahme von Groupies zur Versüßung des Musikeralltags oder zur Inspiration für den 20Jährigen, anders als für den Kollegen Trienes, offenbar keine Option ist. Was möglicherweise auch daran liegen mag, dass bis zur Unkenntlichkeit geschminkte Dark-Wave-Mädchen nicht jedermanns Sache sind oder man es bei Paal in dieser Beziehung schlicht mit einem klassischen Spätzünder zu tun haben mag, was sein oftmals schmerzerfülltes Gebrüll auf der Bühne erklären helfen könnte. Nicht jeder Bandleader muss schließlich automatisch auch ein Womanizer sein. Das gilt für Electro-Punks noch weitaus mehr als für Popsänger.

Sänger Paal, Sequencer Luehr, 1988

Sänger Paal, Sequencer Luehr, 1988

Nachdem sie sich mit alten Instrumentals von Luehr auf der Cassettenproduktion ‚To Have The Second Crack‘ warmgespielt und -gesungen haben, gehen die Jungs im Spätherbst ’88 für einen 4-Track-Player erstmals ins Tonstudio. In einem Industrie-Gebiet nehmen sie mit der konventionellen Audiotechnik des Lamplight-Studios unter anderem das Stück ‚Bastard Outrage‘, das dramatische ‚Archaeology‘ sowie eine erste Version von ‚Psychgod‘ – ihrer frivolen Synthiepop-Referenz – auf. In dem Studio-Familienbetrieb scheiden sich angesichts des neuartigen und wenig harmonischen Sounds der Aborties die verschiedenen anwesenden Generationen – der Senior möchte am liebsten kotzen gehen, der Junior freut sich, endlich mal etwas anderes als Folklore und Deutschrock betreuen zu dürfen. Harry Luehr: „Ich konnte mir nicht helfen: Tims Stimme klang in diesem Hippiestudio alles andere als überzeugend, obwohl er wirklich alles gegeben hat. Ich habe permanent an seinem Aufnahmepegel herumschrauben müssen, was das Ergebnis nicht unbedingt verbesserte. Was dabei herauskam, klang wie im ganz falschen Film. Ich bin nur froh, dass Tim sich damals als Sänger nicht entmutigen ließ.“ Die Drei merken, dass die geregelte lineare Produktionsweise bewährter Tonstudios ihrem Stil nicht gerecht werden kann, so dass sie künftig auf Kosten der Tonqualität auf Live-Improvisation und anarchischen Dub à la Adrian Sherwood setzen. Dies bewährt sich bereits bei der ersten Version von ‚Media Overload‘, die zusammen mit den Lamplight Tracks später für den Anfang `89 erscheinenden Longplayer ‚Raw Scent‘ übernommen wurde. Während der Aufnahmen kommt es immer wieder zu Reibereien zwischen Trienes, der sich konzeptionell mehr einbringen will und Luehr, der die beiden Kollegen mit seinen meist sehr umfangreich vorprogrammierten und auf zig´ Disketten fest abgespeicherten Sequences oft – vielleicht zu oft – vor vollendete Tatsachen stellt. Aber die überraschend guten Ergebnisse der ersten Sessions außerhalb des Studios helfen den Jungs zunächst, ihre Differenzen auszublenden.
Einen Glücksfall stellt das neue Aufnahme- und Probe-Refugium für Abortive Gasp dar. Den Dreien steht Dank Trienes ein geräumiges Auditorium im `Deutschen Elektronen Synchroton (DESY)´ zur Verfügung. Während unter ihnen Elementarteilchen in endlosen Bahnen kreisen, mixen die Aborties im XXL-Hörsaal darüber den speziellen Dark Dub für ihre Longplayer. So zuletzt auch für das im Frühling zunächst auf ihrem eigenen Behelfslabel ‚Nothing New But Normal‘ erscheinende `Bullfrog´, dem bislang bekanntesten Album, das als Kassette schnell die Runde durch Europa und Nordamerika macht. Neben neuere Versionen ihrer Kracher ‚Psychgod‘ und ‚Media Overload‘ gesellen sich auch ihr dritter großer Erfolg ‚Humanity‘ und die Techno-Persiflage ‚Hounted House‘. ‚Bullfrog‘ markiert den musikalischen Höhepunkt von Abortive Gasp. Danach kann man sich nicht erneut für gemeinsame Aufnahmesessions zusammenraufen.

Nun sieht es, wie bereits erwähnt, nicht mehr nach einer Zusammenarbeit in der alten Besetzung aus, nachdem Tim Paal und Stefan Trienes sich von Luehr getrennt haben. Ein abschließendes Album mit Live-Aufnahmen wird demnächst noch veröffentlicht. Ob die drei der Musik und der schwarzen Szene weiterhin erhalten bleiben, scheint unklar.
Man darf gespannt sein, wie die Musikjournalisten eines Tages die Relevanz von Abortive Gasps kurzem Gastspiel im elektronischen Post-Punk-Zirkus einschätzen werden. Ich bin der Meinung, ohne sie hätte dieser Szene etwas gefehlt.

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4 Gedanken zu “Abortive Gasp

  1. Haben die Aborties nicht noch weitergemacht, nachdem hluehr alias leo Greller sie verlassen hat ? Vielleicht ist dieser Post nicht ganz aktuell ?
    Leo Greller hat noch gute Remixe von AbGasp-Sachen hingelegt

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  2. Stolzer Nichtwähler schreibt:

    Neben Boytronic die beste Electro-Combo aus Hamburg. Waren sie nicht außerdem sehr verschwägert mit Superpunk ? Darüber hätte ich gerne mehr in dem ansonsten sehr guten Artikel erfahren.

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  3. Pingback: Anonymous

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